Körper, Sport und Klartraum

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Daniel Erlacher - Institute for Sport and Sport Science, University of Heidelberg, Germany

Bitte zitieren nach:
Erlacher, D. (2002). Körper, Sport und Klartraum. dvs-Informationen, 17, 34-35.

Körper, Sport und Klartraum

„BODYCHECK – Wie viel Körper braucht der Mensch?“ lautete das Wettbewerbsthema des dritten Studienpreises der Körber-Stiftung. In dem mit einem Förderpreis prämierten Beitrag , von dem hier berichtet werden soll, wurde der Sportbezug folgendermaßen hergestellt: Wie viel Körper braucht der Mensch, um Bewegungen zu erlernen und zu optimieren? Dabei scheint zunächst klar, dass der Körper ein unverzichtbarer Bestandteil der Bewegung ist und demnach unentbehrlich für das Bewegungslernen. Die Präzisierung des Körperbegriffs in einen phänomenal-erlebten und einen physikalisch-tatsächlichen Körper differenziert den ersten Eindruck, wobei sich die Frage aufdrängt, ob es ausreicht, den erlebten Körper für das Bewegungslernen zu trainieren, oder ob das Training des physikalischen Körpers unabdingbar ist. Hinweise dafür, dass Bewegungen auch ohne den physikalischen Körper gelernt werden können, lassen sich bereits aus einer tradierten Methode der sportlichen Trainingspraxis ziehen, dem sogenannten „mentalen Training“. Generell wird unter dieser Übungsform das planmäßig wiederholte, bewusste Sich-Vorstellen einer sportlichen Handlung ohne deren gleichzeitige praktische Ausführung verstanden (Volpert, 1976). Die vielfach nachgewiesenen Effekte eines solchen Trainings werden von Heuer (1985) zum einen auf eine Optimierung der kognitiven Anteile der Bewegungsaufgabe zurückgeführt – also auf räumlich-bildhafte sowie symbolisch-sprachliche Kodierungen –; zum anderen begründet er geringe Verbesserungen in rein motorischer Hinsicht, die ebenfalls aus mentalen Trainingsformen resultieren, mit der Programmierungshypothese. Danach wird nicht nur die tatsächlich realisierte, sondern auch die nur vorgestellte Bewegung in bestimmten Bereichen des Gehirns programmiert und beim mentalen Üben lediglich die Weiterleitung der Kommandos an die motorischen Ausführungszentren unterbunden.

Das mentale Training weist dabei zwei Nachteile auf, die die Trainingseffekte negativ beeinflussen können: Erstens ist die Qualität einer vorgestellten Bewegung gegenüber dem tatsächlichen Erleben stark vermindert, denn die vorgestellte Bewegung findet im phänomenalen Erleben statt und wird dadurch von anderen, nicht bewegungsspezifischen Wahrnehmungen beeinträchtigt. Zweitens beschränken sich – aus anatomisch-funktionaler Perspektive – die neuronalen Aktivitäten während einer gedanklichen Bewegungsausführung auf einen begrenzten Kortexbereich. Zu wünschen wäre jedoch eine vernetzte, weiterführende Programmierung, wie sie beim tatsächlichen Training stattfindet. Aus der empirischen Motorik- sowie der Klartraumforschung ergeben sich starke Hinweise, dass ein Training im sogenannten Klartraum für Menschen eine Gelegenheit der Bewegungsoptimierung darstellen könnte, die frei von den genannten Nachteilen ist.

Das Klartraumphänomen ist sowohl in der „scientific community“ als auch in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, sodass an dieser Stelle die Schilderung einiger Befunde aus der Traumforschung notwendig erscheint. Ein normaler Mensch durchläuft jede Nacht mehrmals verschiedene Schlafphasen. Eine dieser Phasen ist – neben einigen elektrophysiologischen Merkmalen – durch rasche Augenbewegungen (REM-Rapid Eye Movements), sowie eine völlige „Lähmung“ der Körpermuskulatur gekennzeichnet. Ihre Bedeutung für die Traumforschung erhalten die REM-Phasen durch die hohe Korrelation mit lebhaften Traumberichten von Versuchsteilnehmer, wenn sie aus diesen Phasen geweckt werden. Setzt man den REM-Schlaf mit Traumschlaf gleich, bedeutet dies, dass ein Mensch durchschnittlich 90 Minuten pro Nacht träumt.

In einem Klartraum ist sich der Klarträumer der Tatsache bewusst, dass er träumt. Mit diesem Wissen kann er das fortlaufende Traumgeschehen mit seinem erlebten Traumkörper willentlich beeinflussen. Dass solche Phänomene überhaupt existieren, konnte in Schlafstudien nachgewiesen werden. Dabei werden klartraumkompetente Versuchsteilnehmer instruiert, abgesprochene Blickbewegungen in einem Klartraum durchzuführen. In den Aufzeichnungen der schlafenden Person zeigen sich im sogenannten Elektrookulogramm die vereinbarten Blickmuster wieder – alle anderen physiologischen Merkmale, die für den Schlaf charakteristisch sind, bleiben dagegen unverändert (LaBerge, Nagel, Dement, & Zarcone Jr, 1981). Die Kompetenz, bewusst in das Traumgeschehen eingreifen zu können, ist spontan nur einem geringen Anteil der Normalbevölkerung zueigen, jedoch liegen verschiedene bewährte Techniken vor, um die Auftretenswahrscheinlichkeit von Klarträumen zu steigern; es handelt es sich also beim Klarträumen um eine erlernbare Fertigkeit (Erlacher, 2001a).

Sind jetzt aber Lerneffekte zu erwarten, wenn eine klarträumende Person im Traum mit seinem phänomenalen Körper zielgerichtet Bewegungen übt? Für die Effektivität eines solchen Klartraumtrainings liegen bislang zwar nur Einzelfallberichte vor; diese Berichte vermögen jedoch die Hypothese starker Transfereffekte von einem Klartraumtraining auf die Bewegungskompetenz im Wachzustand deutlich zu untermauern. So wurden in einer Klartraumstudie von Tholey (1981) Teilnehmer instruiert, komplexe Bewegungen, wie z.B. das Skilaufen oder Turnen, im Klartraum zu üben. Sämtliche Teilnehmer konnten nach einem Klartraumtraining über deutliche Übungseffekte bei ihren Bewegungshandlungen im Traum sowie über positive Auswirkungen im Hinblick auf ihr sportliches Können im Wachzustand berichten. Eine Forcierung der empirischen Bemühungen, die diese Befunde untermauern, scheint an dieser Stelle unabdingbar zu sein. Zu diesem Zweck wurde eine doppelte Forschungsstrategie von Erlacher (2001b) formuliert. Theoretisch ist die Vorhersage jedoch klar: Wenn schon mentale Trainingsformen zu abgesicherten Leistungssteigerungen führen, sind solche Effekte erst recht für ein Klartraumtraining zu erwarten, da dort – im Gegensatz zum mentalen Training – zum einen das phänomenal erlebte Körper-Ich im Klartraum und Wachzustand identisch ist (Tholey, 1984) und zum anderen beim Traum die neuroanatomische Unterbrechung der Bewegungskommandos nicht schon auf Kortexniveau, sondern erst an späterer Stelle, nämlich kurz vor dem Rückenmark, erfolgt (Jouvet, 1994).

Im Hinblick auf die Eingangs gestellte Frage nach Körperanteilen beim Bewegungslernen lassen sich die Erörterungen folgendermaßen zusammenfassen: Geht es um die rein kognitiven Anteile von Bewegungsaufgaben, zeigen schon die umfassenden Forschungsresultate zum mentalen Training, dass es keineswegs des physikalischen Körpers bedarf, um Bewegungsleistungen zu optimieren. Entsprechende empirische Belege aus der Klartraumforschung stehen zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch aus; es ergeben sich jedoch starke Hinweise für die Hypothese, dass ein Klartraumtraining auch in motorischer Hinsicht leistungssteigernd wirkt. Vorausgesetzt wird dabei stets, dass zwischen phänomenalem Körper-Ich und physikalischem Körper enge Wechselbeziehungen bestehen. Diese Annahme jedoch wird nicht nur durch die skizzierte Befundlage zum mentalen Training sowie durch vorliegende Klartraumberichte gestützt; es wäre darüber hinaus zu fragen, wie sich denn ein phänomenales Körper-Ich ausbilden sollte, wenn nicht in direkter Abhängigkeit vom physikalischen Körper. Für diese Ausbildung erscheint es plausibel, die Existenz des physikalischen Körpers als notwendig vorauszusetzen. Liegt hingegen ein zuverlässiges Körperschema vor, ist die zentrale Wettbewerbsfrage folgendermaßen zu beantworten: Wie viel Körper braucht der Mensch, um Bewegungen zu erlernen und zu optimieren? Ein phänomenales Körper-Ich? Ja. Den physikalischen Körper? Nein.

Literatur

  • Erlacher, D. (2001a). Techniktraining im Klartraum. Theoretische und empirische Annäherung an ein neues Feld der Bewegungswissenschaft. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Heideberg.
  • Erlacher, D. (2001b). Lucid dreaming and sport science – A research strategy. In J. Mester, G. King, H. Strüder, E. Tsolakidis, & A. Osterburg (Hrsg.), European College of Sport Science: Book of Abstracts. 6th annual congress of the ECSS (S. 742). Köln: Sport und Buch Strauss.
  • Heuer, H. (1985). Wie wirkt mentale Übung? Psychologische Rundschau, 36, 191-200.
  • Jouvet, M. (1994). Die Nachtseite des Bewusstseins. Warum wir träumen. Reinbek: Rowohlt.
  • LaBerge, S., Nagel, L. E., Dement, W. C. & Zarcone Jr., V. P. (1981). Lucid Dreaming verified by volitional communication during REM sleep. Perceptual and Motor Skills, 52, 727-732.
  • Tholey, P. (1981). Empirische Untersuchungen über Klarträume. Gestalt Theory, 3, 21-62.
  • Tholey, P. (1984). Sensumotorisches Lernen als Organisation des psychischen Gesamtfeldes. In E. Hahn & H. Rieder (Hrsg.), Sensumotorisches Lernen und Sportspielforschung. Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Kohl (S. 11-26). Köln: bps-Verlag.
  • Volpert, W. (1976). Untersuchungen über den Einsatz des mentalen Trainings beim Erwerb einer sensumotorischen Fertigkeit. Lollar: Achenbach.
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