Motorisches Lernen im luziden Traum

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Daniel Erlacher - Institute for Sport and Sport Science, University of Heidelberg, Germany

Bitte zitieren nach:
Erlacher, D. (2005). Motorisches Lernen im luziden Traum. dvs-informationen, 20, 7-9.

Inhaltsverzeichnis

Motorisches Lernen im luziden Traum

In diesem Beitrag wird untersucht, ob motorische Lernprozesse durch Übung im luziden Traum angeregt werden können. Das Üben im luziden Traum ist vergleichbar mit dem mentalen Training, das in der Sportpraxis häufig Einsatz findet. Im Gegensatz zum mentalen Training, das im Wachen durchgeführt wird, findet das Training im luziden Traum während des REM-Schlafes (Rapid Eye Movement) statt (vgl. LaBerge, 1985). Luzide Träume bzw. Klarträume zeichnen sich dadurch aus, dass der Träumende seines Zustands bewusst ist und durch diese Erkenntnis Einfluss auf das Traumgeschehen nehmen kann (vgl. Schredl & Erlacher, 2004). In einer repräsentativen Umfrage (Stepansky u. a., 1998) gaben 26 % der befragten Personen an, das luzide Träumen zu kennen. Personen, die häufig bewusst träumen, sind seltener, jedoch kann das luzide Träumen erlernt werden (LaBerge, 1980). Es existieren verschiedene anekdotische Beispiele (z.B. Tholey, 1981), dass im luziden Traum Bewegungen trainiert werden können und sich dadurch Verbesserungen im Wachzustand zeigen.

Um diese Annahme auf ein empirisches Fundament zu stellen, wird in diesem Beitrag zunächst ein Vergleich zum mentalen Training hergestellt (2), dann wird eine quasi-experimentelle Pilotstudie vorgestellt, die motorische Verbesserungen nach Übung im luziden Traum untersucht (3), danach werden kurz einige Fallbeispiele aus der Sportpraxis geschildert (4) und abschließend folgt eine Diskussion mit Ausblick (5).

Vergleich mentales Training und luzides Träumen

Für die Erklärung motorischer Lerneffekte durch ein Üben im luziden Traum lassen sich Theorien aus der Forschung zum mentalen Training heranziehen. Nach Heuer (1985) werden die nachgewiesenen Effekte des mentalen Trainings zum einen auf eine Optimierung der kognitiven Anteile der Bewegungsaufgabe zurückgeführt und zum anderen werden die Verbesserungen in rein motorischer Hinsicht, die ebenfalls aus mentalen Trainingsformen resultieren, mit der Programmierungshypothese begründet. Danach wird nicht nur die tatsächlich realisierte, sondern auch die nur vorgestellte Bewegung in bestimmten Bereichen des Gehirns programmiert und beim mentalen Training lediglich die Weiterleitung der Kommandos an die motorischen Ausführungszentren unterbunden (vgl. Jeannerod, 2001). Die Annahme, dass Bewegungsvorstellungen äquivalent zu tatsächlichen Bewegungen sind, wird auf drei Ebenen durch zahlreiche Studien unterstützt. Erstens, zeigen Untersuchungen (Übersicht: Jeannerod, 2001), in denen Hirnaktivitäten gemessen werden, dass bei Bewegungsvorstellung motorische Gehirnareale aktiv sind. Zweitens, zeigen Studien (Übersicht: Decety, 1996), dass es bei mentaler Bewegungsausführung zu einer Aktivität von autonomen Parametern, wie Herz- und Atemfrequenz, kommt, die jedoch unter den Werten des aktiven Übens verbleiben. Drittens, zeigen Studien (Übersicht: Munzert, 2002), dass sich annähernd gleiche Zeitintervalle für vorgestellte und physisch ausgeführte Bewegungen ergeben. Im Folgenden wird gezeigt, dass Bewegungen im luziden Traum und tatsächliche Bewegungen ebenfalls eine Äquivalenz aufweisen, die sich anhand zentralnervöser (2.1) und kardiorespiratorischer Aktivitäten (2.2) sowie anhand von zeitlicher Aspekte (2.3) belegen.

Zentralenervöse Aktivitäten bei Bewegungen im luziden Traum

In der ersten Studie von Erlacher, Schredl und LaBerge (2003) wurde gezeigt, dass motorische Areale (EEG-Messung) während „Bewegungsausführung“ im luziden Traum aktiv sind. Dazu verbrachte ein geübter luzider Träumer drei Nächte im Schlaflabor. Der luzide Träumer wurde instruiert, entweder die Hände zu bewegen oder eine nicht-motorische Kontrollaufgabe (Zählen) durchzuführen. Die Auswertung der relevanten Elektroden über den motorischen Arealen zeigte erwartungskonform eine Blockierung des Alphabands (8-12 Hz; mu-Rhythmus), das in EEG-Untersuchungen (Pfurtscheller & Neuper, 1997) eine Aktivierung der entsprechenden kortikalen Areale darstellt, während der Handbewegung im luziden Traum.

Kardiorespiratorisches Aktivitäten bei Bewegungen im luziden Traum

In der zweiten Studie wird gezeigt, dass „Bewegungsausführung“ im luziden Traum spezifische kardiorespiratorische Aktivitäten auslösen. Dazu verbrachten N = 5 geübte luzide Träumer (eine Frau und vier Männer) im Alter von M = 30.0 Jahren (SD = 3.7) zwei bis vier Nächte im Schlaflabor. Das experimentelle Protokoll für die luziden Träumer war folgendermaßen: (1) aufrecht hinstellen (2) von 21 bis 25 zählen, (3) zehn tiefe Kniebeugen durchführen und (4) noch einmal von 21 bis 25 zählen. Weiterhin sollten folgende Ereignisse durch zweifache Links-Rechts-Augenbewegungen (LRLR), die im luziden Traum realisierbar sind und im EOG gemessen werden können, signalisiert werden: den Begin des luziden Traums den An-fang und das Ende jeder Sequenz (1-3) und das Ende der Aufgabe (siehe Abbildung 1). Die Teilnehmer schlossen die luzide Traumaufgabe insgesamt 14-mal korrekt ab. Herzrate (HR) und Atemfrequenz (AF) wurden kontinuierlich aufgezeichnet.


Bild:LuziderTraum.JPG

Abbildung 1. Aufzeichnung eines korrekt signalisierten luziden Traums (VP04). Fünf LRLR-Augenbewegungen sind in dem EOG-Kanal der Aufzeichnung zu erkennen. Die Zunahme der AF und HF während der Knie-beugen ist deutlich sichtbar.


Bedeutende Ergebnisse wurden in einer Zunahme der HR nach den geträumten Kniebeugen gefunden, welche zu einem signifikant größerem Mittelwert nach der Belastung führte (d = 0.56, t(13) = 2.1, p = .028). Die AF zeigte den größten Mittelwert während der geträumten Belastung. Signifikant wurde der Unterschied in der AF vom Übergang „Belastung“ zu „Post-Belastung“ (d = 0.67, t(12) = 2.39, p = .017). Der Übergang von „Prae-Belastung“ zu „Belastung“ unterschied sich nicht signifikant (d = 0.32, t(12) = 1.2; p = .16) (siehe Tabelle 1).


Tabelle 1. Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD) für die HF und AF vor, während und nach der Belastung im luziden Traum.

Prae-Belastung Belastung Post-Belastung
Herzrate (min-1)* 66.1a ± 5.4 68.4b ± 5.5 69.6b ± 5.7
Atemfrequenz (min-1)** 22.3 ± 2.1 23.7c ± 3.4 20.5d ± 3.3

Anmerkung. * nbeob = 14; ** nbeob = 13; a signifikanter Unterschied zu b; c signifikanter Unterschied zu d


Benötigte Zeit für motorische Aktivitäten im luziden Traum

In der dritten Studie, eine Re-Analyse der Studie 2, von Erlacher und Schredl (2004), wurde gezeigt, dass sich die Dauer für Zählen im Wachen und im luziden Traum kaum unterscheidet. Jedoch benötigten die Teilnehmer für das Ausführen von den Kniebeugen 44.5 % mehr Zeit im luziden Traum als im Wachen, wobei keiner der Teilnehmer berichtete, subjektiv zeitliche Unterschiede festgestellt zu haben.

Üben einer Zielwurfaufgabe im luziden Traum

In dieser quasi-experimentellen Pilotstudie wurde in einem Online-Design untersucht, ob sich durch ein Training im luziden Traum die Leistung in einer Zielwurfaufgabe verbessert. An dem Experiment nahmen 18 Versuchsteilnehmer teil. Die Teilnehmer erhielten über eine Internetseite Instruktionen und führten das Experiment selbstständig zu Hause durch und übertrugen ihre Resultate in ein Internetformular. Die Zielwurfaufgabe bestand darin Münzen in einem Abstand von zwei Metern in eine Tasse zu werfen. Am Abend wurden 20 Münzwürfe im Wachen durchgeführt und die Treffer notiert. In der Nacht sollten die Teilnehmer im luziden Traum das Münzwerfen üben. Am Morgen wurden noch einmal 20 Münzwürfe im Wachen durchgeführt und die Treffer notiert. Der Versuchsaufbau, den die Teilnehmer zu Hause herstellen sollten, wurde in den Anweisungen detailliert beschrieben.

5 Teilnehmer konnten im luziden Traum das Münzwerfen üben (Ü-LT), 13 Teilnehmern war es nicht möglich (NÜ-LT). Die Mittelwerte der Treffer am Abend und Morgen für beide Gruppen sind in Tabelle 2 dargestellt. Die Varianzanalyse (Faktoren: Ü-LT vs. NÜ-LT, Abend vs. Morgen) zeigt eine signifikante Interaktion, F = 13.9, p < .05, eta2 = 0.46. Der Vergleich der Zuwächse zwischen den Gruppen wird signifikant, t = 3.7, p < .025, d = 2.1.


Tabelle 2. Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD) für die Trefferleistung der Gruppe, die im luziden Traum das Münzwerfen übte (Ü-LT) und die Gruppe, die nicht Üben konnte (NÜ-LT).

Ü-LT (n = 5) NÜ-LT (n =13)
Treffer am Abend 3.6 ± 2.4 3.4 ± 2.8
Treffer am Morgen 5.0 ± 2.5 2.9 ± 2.5


Fallbeispiele zum Üben im luziden Traum

Über den Zeitraum von zwei Jahren wurden verschiedene Fallbeispiele zusammengetragen, in denen Personen schildern, wie sie ihre luziden Träume für sportliche Aktivitäten nutzen. Die Beispiele streuen dabei über verschiedene Sportarten. Im Folgenden ein Beispiel aus dem Kunst- und Turmspringen, in dem die luzide Träumerin über Jahre den luziden Traum als Trainingsergänzung nutzt: „Ich versuche möglichst kunstvoll Salti und Schrauben, oder Auerbachsalti zu machen. Da das ganze langsam abläuft, wie in Zeitlupe, habe ich die gute Gelegenheit auf alle Bewegungsabläufe genau zu achten.“ Ein weiteres Beispiel aus dem Sprinttraining, in dem der luzide Träumer die Körperwahrnehmung im Traum nutzt, um seinen Laufstil zu verbessern: „Ich beginne dann, meine Beine bewusster nach hinten wegzustrecken, meine Füße einzusetzen und nicht nur vorne die Knie zu heben. Sofort entsteht ein Vortrieb, den ich vor allem im Bereich des Beckens spüre. Das Becken schiebt auf einmal im Raum schneller voran“. Ein letztes Beispiel aus dem Wintersport, in dem der Sportler den Traum zum Probehandeln von neuen Techniken nutzt: „ Ich habe vom Snowboardfahren geträumt, ich war in einem Park und im freien Gelände und habe Tricks geübt, die ich eigentlich gar nicht so beherrsche und zum Teil noch nie gemacht habe“.

Diskussion und Ausblick

Die Resultate der Studien zum Vergleich von mentalem Training und luziden Träumen unterstützen größtenteils die Hypothese, dass durch Bewegung in einem luziden Traum – wie bei der Bewegungsvorstellung (vgl. Decety, 1996) – motorische Gehirnareale aktiviert und damit Bewegungsprogrammierungen stattfinden. Dies wurde anhand von EEG-Daten und kardio-respiratorischen Parametern nachgewiesen. Einzig die Re-Analyse der Bewegungsdauer zeigt für die Ausführung der motorischen Aktivität im luziden Traum eine deutlich längere Zeit als im Wachen. Methodisch ist bei der Re-Analyse anzumerken, dass das Intervall für die Kniebeugen fast doppelt so lange dauerte wie das Zählintervall. Um einen möglichen disproportionalen Zeitfehler zu vermeiden, wurden in einer weiterführenden Studie verschiedene Zeitintervalle beim Gehen untersucht. Vorläufige Resultate zeigen hier annähernd gleiche Zeiten für die Bewegungsausführung im luziden Traum und im Wachen. Die Resultate der quasi-experimentellen Studie zeigen, dass das Üben des Zielwurfs im luziden Traum zu einer gesteigerten Leistung führt. Zum einen könnte dies durch motorisches Lernen im luziden Traum erklärt werden (vgl. Tholey, 1981), zum anderen könnten psychologische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen. So könnten die Teilnehmer, die erfolgreich die Aufgabe im luziden Traum lösten, mehr Zuversicht für die Würfe am Morgen haben. In weiteren Studien sollten Aufgaben verwendet werden, bei denen die motorische Komponente im Vordergrund steht. In den Darstellungen der Fallbeispiele soll deutlich geworden sein, dass das Üben im luziden Traum von luzid-träumenden Sportlern bereits Einsatz findet und, dass das Training für kognitive als auch für motorische Komponenten des Bewegungslernens genutzt wird.

Zusammenfassend wurde in diesem Beitrag gezeigt, dass motorische Lernprozesse durch Übung im luziden Traum angeregt werden können. Theoretisch begründet werden diese motorischen Verbesserungen dadurch, dass Bewegungen, die im luziden Traum ausgeführt werden, hirnphysiologisch Äquivalent mit tatsächlichen Bewegungen sind. Die positiven Befunde der Pilotstudie sollten in weiteren Untersuchungen repliziert werden.

Literatur

  • Decety, J. (1996). Do imagined and executed actions share the same neural substrate? Cognitive Brain Research, 3, 87-93.
  • Erlacher, D. & Schredl, M. (2004). Required time for motor activities in lucid dreams. Perceptual and Motor Skills, 99, 1239-1242.
  • Erlacher, D., Schredl, M. & LaBerge, S. (2003). Motor Area Activation During Dreamed Hand Clenching: A Pilot Study on EEG Alpha Band. Sleep and Hypnosis, 5, 182-187.
  • Heuer, H. (1985). Wie wirkt mentale Übung? Psychologische Rundschau, 36, 191-200.
  • Jeannerod, M. (2001). Neural simulation of action: a unifying mechanism for motor cognition. Neuroimage, 14, 103-109.
  • LaBerge, S. (1980). Lucid dreaming as a learnable skill: A case study. Perceptual and Motor Skills, 51, 1039-1042.
  • LaBerge, S. (1985). Lucid dreaming. Los Angeles: Tarcher.
  • Munzert, J. (2002). Temporal accuracy of mentally simulated transport movements. Perceptual and Motor Skills, 94, 307-318.
  • Pfurtscheller, G. & Neuper, Ch. (1997). Motor imagery activates primary sensorimotor area in humans. Neuroscience Letters, 239, 65-68.
  • Schredl, M. & Erlacher, D. (2004). Lucid dreaming frequency and personality. Personality and Individual Differences, 37, 1463-1473.
  • Stepansky, R., Holzinger, B., Schmeiser-Rieder, A., Saletu, B., Kunze, M. & Zeitlhofer, J. (1998). Austrian dream behavior: results of a representative population survey. Dreaming, 8, 23-30.
  • Tholey, P. (1981). Empirische Untersuchungen über Klarträume. Gestalt Theory, 3, 21–62.
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