Wenn man im Traum weiß, dass man träumt. Das Phänomen des luziden Träumens

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Daniel Erlacher - Institute for Sport and Sport Science, University of Heidelberg, Germany
Michael Schredl - Sleep laboratory, Central Institute of Mental Health, Mannheim, Germany

Bitte zitieren nach:
Erlacher, D. & Schredl, M. (2004). Wenn man im Traum weiß, dass man träumt. 
Das Phänomen des luziden Träumens. Das Schlafmagazin, 2, 42-43.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

„Ich bin im Schlaflabor und schaue in eine Schublade. Ich erinnere mich daran, dass ich etwas Bestimmtes suchen wollte, und nehme einen Zettel in die Hand. Ich blicke nach rechts und sehe N., der mich anlacht. Neben ihm sitzt S., der ebenfalls lächelt. Das Grinsen der Beiden lässt mich irgendwie vermuten, dass ich träume. Ich schaue zurück auf meine Hand und statt des Zettels halte ich jetzt zwei Scheiben Salami in der Hand. Ich werde aufgeregt, da ich jetzt weiß, dass ich träume. Ich mache eine Links-Rechts-Links-Rechts-Augenbewegung (LRLR) und erinnere mich an die Aufgabe, die ich im Traum machen soll. Dazu setze ich mich auf den Boden und gebe ein weiteres LRLR und beginne die rechte Hand viermal zu öffnen und zu schließen. Ich mache ein weiteres LRLR und öffne und schließe nun viermal die linke Hand. Ich merke, dass ich aufwache, und gebe ein letztes Mal eine LRLR, bevor ich wach werde“.

D., Versuchsteilnehmer in einer Studie über Klarträume, wacht nach diesem Traum in einem Schlaflabor auf, an seinem Kopf befinden sich Elektroden, die während des ganzen Geschehens seine Hirnwellen aufgezeichnet haben.

Das Traumgeschehen selbst bestimmen

Wenn Menschen in ihren Träumen wissen, dass sie träumen, und dadurch das Geschehen des Traums – wie in dem einleitenden Traumbeispiel – selbst bestimmen, dann spricht man von einem Klartraum oder auch luzidem Traum. In einer repräsentativen Umfrage gab jede/r vierte Befragte an, dass sie/er das Phänomen des bewussten Träumens schon einmal erlebt hat. Trotz der relativ großen Bekanntheit in der breiten Bevölkerung wurde das luzide Träumen jahrzehntelang von der Wissenschaft ignoriert. Die Berichte von Menschen, die behaupteten, ihre Träume bewusst zu erleben, klangen zu paradox für viele Wissenschaftler/innen, und man fand bald eine einfache Erklärung für solche Erlebnisse: Die Schlafenden mussten während der Nacht kurzzeitig aufgewacht sein und beim Wiedereinschlafen vermischten sich Schlaf und Wachheit in den Köpfen der Personen, sodass es zu den genannten paradoxen Erlebnissen kam.

Erst Ende der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts konnten zwei Wissenschaftler unabhängig voneinander im Schlaflabor Klarträume nachweisen. Für diesen Nachweis nutzten sie die Besonderheiten des REM-Schlafs aus. Der Schlaf wird in verschiedene, zyklisch wiederkehrende Schlafstadien unterteilt und dabei steht eines dieser Schlafstadien in engem Zusammenhang mit lebhaften Träumen: der REM-Schlaf. REM ist die Abkürzung für Rapid Eye Movements, schnelle Augenbewegungen, die während dieser Phasen zu beobachten sind, während der schlafende Körper, aufgrund einer aktiven Blockade des Muskeltonus im Stammhirn, erschlafft. Diese Paralyse der Körpermuskulatur hindert uns daran, unserem erlebten Traumgeschehen während der Nacht nachzugehen.

Trotz der Muskelblockade treten jedoch die typischen Augenbewegungen auf. Es gibt Forschungsarbeiten, die zeigen, dass ein Teil dieser Augenbewegungen mit den im Traum ausgeführten Augenbewegungen einhergeht. Deshalb instruierte Dr. Stephen LaBerge seine Versuchsteilnehmer/innen, im Klartraum eine zweifache Links-Rechts-Augenbewegung durchzuführen, und zeichnete elektrophysiologisch die Augenbewegungen über die Nacht hinweg auf.

Die visuelle Auswertung der aufgezeichneten REM-Phasen, in denen die Versuchsteilnehmer/innen berichteten, einen Klartraum erlebt und die angewiesenen Augenbewegungen durchgeführt zu haben, zeigte deutlich die Links-Rechts-Ausschläge der Augen, gut unterscheidbar von spontanen Augenbewegungen. Die restlichen Merkmale des REM-Schlaf (z.B. Körperlähmung) blieben unverändert. Die Aufzeichnungen standen darüber hinaus im Einklang mit den Traumberichten der Klarträumer/innen und bestätigten damit, dass sie in der Tat hier das Bewegen der Augen willentlich die Handlungen im Traum gelenkt haben.

Praktische Anwendungsmöglichkeiten des Klarträumens

Der wissenschaftliche Nutzen der Klarträume liegt unter anderem in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen der Physiologie während des Schlafes und den geträumten Handlungen. In dem einleitenden Klartraum zeigt sich beispielsweise bei der späteren Analyse, dass gleiche Hirnregionen aktiv werden, wenn die Handbewegung im Klartraum bzw. im Wachen durchgeführt wird. Es besteht also ein hirnphysiologischer Zusammenhang zwischen geträumter und tatsächlicher Handlung.

Ferner gibt es zahlreiche praktische Anwendungen des Klarträumens. So konnten Klarträume erfolgreich in der Therapie gegen Albträume angewendet werden, wobei der Geplagte lernen muss, sich während eines Albtraums bewusst zu werden, dass es sich um einen Traum handelt. Daraufhin kann sich der Träumer willentlich dem angsteinflößenden Traumcharakter stellen, was zur Folge hat, dass die Albtraumfigur zumeist eine normale Gestalt annimmt oder gar ganz verschwindet und damit auch der Albtraum ein Ende hat.

Eine ganz andere Anwendung findet sich im Bereich des Sports, wo klartraumgeübte Sportlerinnen und Sportler im Traum Bewegungsabfolgen, wie einen zweifachen Auerbacher im Wasserspringen, „einschleifen“, um diese Bewegung auch im Wachen besser zu beherrschen. Ähnlich wie beim so genannten Mentalen Training erhofft man sich beim Training im Klartraum einen Trainingseffekt, der – so die Erwartung der Forscher – größer ist als im Mentalen Training. Vor allem in Verletzungspausen könnten Spitzensportler/innen das Klartraumtraining nutzen, um ihr technisches Leistungsniveau zu halten. Die praktischen Anwendungen der Klarträume setzten voraus, dass es Techniken gibt, mit denen man das Klarträumen erlernen kann. Im Kasten wird die Reflexionstechnik dargestellt. Hinter dieser Technik, die von Prof. Paul Tholey entwickelt wurde, steckt der Gedanke, dass das mehrmalige kritische Fragen, ob man wacht oder träumt, dazu führt, dass man sich diese Frage irgendwann auch im Traum stellt. Bedingt durch die Gegebenheiten, die nur im Traum stattfinden können (wie das plötzliche Verwandeln von Gegenständen im einleitenden Beispiel), wird der Träumende dann die Frage mit „ja, ich träume“ beantworten. Personen, die auf diese Weise das luzide Träumen erlernen, können dann Handlungen, die sie sich im Wachzustand vorgenommen haben, z.B. Training oder Konfrontation, ausführen.

In 5 Schritten zum Klartraum

1. Beginnen Sie, Ihre Träume in einem Traumtagebuch zu notieren.
2. Stellen Sie sich tagsüber mehrmals die Frage, ob Sie gerade träumen oder wach sind. 
   Kontrollieren  sie dabei kritisch die „Naturgesetze“. Im Wachen kommt man dabei immer 
   zum Schluss, dass man wach ist. Das häufige Stellen der Frage im Wachzustand führt dazu, 
   dass die Frage auch im Traum gestellt wird. 
3. Stellen Sie sich diese Frage möglichst noch kurz vor dem Einschlafen.
4. Stellen Sie sich diese Frage möglichst in solchen Zuständen oder Situationen, die 
   eine große Ähnlichkeit mit Traumerlebnissen besitzen.
5. Bewahren Sie Geduld, der erste Klartraum kann manchmal Monate auf sich warten lassen.
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