Das Training im luziden Traum

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Daniel Erlacher - Institute for Sport and Sport Science, University of Heidelberg, Germany

Bitte zitieren nach:
Erlacher, D. (2005). Das Training im luziden Traum. Leipziger Sportwissenschaftliche
Beiträge, 46(2), 119-126.

Inhaltsverzeichnis

Summary

In this paper we will present a novel form of practice for sport skills: practice in lucid dreams. The term lucid dream designates a dream in which the dreamer – while dreaming – is aware that she/he is dreaming and she/he can consciously influence the action in the dream and for example practice sport skills. Results from sleep research and anecdotal evidence will be presented within this paper which support the hypothesis that practice in lucid dreams enhances sport performance.

Zusammenfassung

In diesem Beitrag soll das Training im luziden Traum näher vorgestellt werden. Während eines luziden Traums ist sich der Träumende bewusst, dass er träumt und kann daraufhin das Traumgeschehen willentlich steuern und beispielsweise sportliche Bewegungen trainieren. Es werden zum einen empirische Befunde aus Schlaflaborstudien und zum anderen Erfahrungsberichte von Sportlern aufgeführt, die die Vermutung unterstützen, dass das Training im luziden Traum für den Sport genutzt werden kann.

Schlagworte: luzider Traum, motorisches Lernen, Schlaf, kognitive Trainingsformen

Einleitung

In diesem Beitrag soll eine bislang wenig verbreitete kognitive Trainingsform für den Sport vorgestellt werden: Das Training im luziden Traum. Unter einem luziden Traum bzw. Klartraum versteht man, dass sich der Träumende während des Traums bewusst ist, dass er träumt. Dieser Zustand ermöglicht es dem Träumenden, das Traumgeschehen willentlich zu steuern (vgl. Schredl & Erlacher, 2004). Einem luziden Träumer ist es demnach möglich, im Traum sportliche Bewegungen auszuführen und zu trainieren. Das Training im luziden Traum stellt in keiner Weise eine tradierte sportliche Trainingsmethode dar. Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Phänomen luzider Traum an sich relativ unbekannt ist. Prinzipiell ist das Training im luziden Traum jedoch vergleichbar mit dem mentalen Training, das in der Sportpraxis häufig Einsatz findet. Im Gegensatz zum mentalen Training, das im Wachen durchgeführt wird, findet das Training im luziden Traum während des Schlafs statt (vgl. Erlacher, 2005). Es existieren verschiedene anekdotische Beispiele (z.B. Tholey, 1981) dafür, dass ein Training im luziden Traum zu Verbesserungen im Wachzustand führen. Es scheint demnach, dass luzide Träume für das sportliche Training genutzt werden können. Um diese Vermutung zu untermauern werden im Folgenden zum einen empirische Befunde dargestellt, die aus Schlaflaborstudien stammen (2), und zum anderen Erfahrungsberichte von Sportlern aufgeführt, die das Training im luziden Traum nutzen (3).

Schlaflaborstudien zum luziden Träumen

Bevor die Schlaflaborstudien zum luziden Träumen vorgestellt werden, bedarf es einiger Grundlagen zum Schlaf im Allgemeinen. Während des nächtlichen Schlafs treten vier bis fünf Schlafzyklen auf, die jeweils etwa 100 Minuten dauern (vgl. Abb. 1). Jeder Zyklus endet im so genannten REM-Schlaf (rapid eye movement), der durch rasche Augenbewegungen charakterisiert ist. Die Non-REM-Phasen werden in leichter Schlaf (Stadium 1 und 2) und Tiefschlaf (Stadium 3 und 4) unterschieden. Von besonderem Interesse ist der REM-Schlaf, da in diesen Schlafphasen der Mensch vermehrt lebhafte Träume erlebt. Physiologisch zeichnet sich der REM-Schlaf durch eine erhöht EEG-Aktivität und ein Fehlen des Muskeltonus (Schlafatonie) aus. Die Schlafatonie verhindert das Ausagieren der Trauminhalte und ist somit ein wesentlicher zentralnervöser Mechanismus des Schlafs.


Hypnogramm

Abbildung 1. Der normale nächtliche Schlaf gliedert sich in vier bis fünf Zyklen (mod. nach Borbély, 1984)


Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelang es im Schlaflabor nachzuweisen, dass das luzide Träumen im REM-Schlaf stattfindet (Hearne, 1978; LaBerge, 1980). Bei diesem Nachweis nutzten die Forscher die Ergebnisse früherer Forschungsarbeiten (Dement & Wolpert, 1958), die zeigten, dass ein Teil der Augenbewegungen während des REM-Schlafs mit den im Traum ausgeführten Augenbewegungen einhergeht. Die Versuchsteilnehmer aus den Studien von Hearne (1978) bzw. LaBerge (1980) wurden deshalb instruiert im luziden Traum bestimmte Augenbewegungen (z.B. links-rechts) durchzuführen. Die visuelle Auswertung der aufgezeichneten REM-Phasen, in denen die Versuchsteilnehmer berichteten, einen luziden Traum erlebt und die angewiesenen Augenbewegungen durchgeführt zu haben, zeigte deutlich die entsprechenden Ausschläge der Augen im Elektrookulogramm (EOG), gut unterscheidbar von spontanen Augenbewegungen. Die restlichen Merkmale während des REM-Schlafs (z.B. Körperlähmung) blieben dagegen unverändert. Die Aufzeichnungen standen darüber hinaus im Einklang mit den Traumberichten der luziden Träumer und bestätigten damit, dass sie in der Tat (hier das Bewegen der Augen) willentlich die Handlungen im Traum gelenkt hatten. In der Zwischenzeit sind eine Vielzahl solcher Untersuchungen mit den gleichen Resultaten durchgeführt worden, sodass an der Existenz von luziden Träumen kaum gezweifelt werden kann (vgl. Erlacher, 2005). In Abbildung 2 ist eine Aufzeichnung der EEG, EOG und EMG-Aktivität für einen luziden Traum abgebildet. Im EOG sind deutlich zwei links-rechts-links-rechts-Ausschläge zu erkennen (eine links Bewegung der Augen im Traum ergibt einen Ausschlag nach oben im EOG und umgekehrt), die der luzide Träumer willentlich durch entsprechende Blickbewegungen während des Traums erzeugt hat. In der Aufzeichnung sind ebenfalls Aktivitäten im EMG des rechten Unterarms zu sehe, auf diese Befunde wird im Folgenden eingegangen.


Abbildung 2: luzider Traum

Abbildung 2. Aufzeichnung eines luziden Traums. EEG, EOG und EMG des rechten Unterarms sind dargestellt. Zwei LRLR-Augenbewegungen sind deutlich zu erkennen. Nähre Erläuterungen siehe Text (aus Erlacher, 2005).


Mit der hier beschriebenen Methode lassen sich nun gezielt Zusammenhänge zwischen geträumten und tatsächlichen Handlungen untersuchen. In mehreren Studien (Erlacher, 2005; Fenwick et al., 1984; Hearne, 1983; LaBerge, Nagel, Dement & Zarcone, 1981) konnte gezeigt werden, dass Hand- und Fingerbewegungen, die gezielt im luziden Traum ausgeführt werden, zu korrespondierenden EMG-Aktivitäten in den entsprechenden Gliedern am schlafenden Körper führen. Fenwick et al. (1984) konnten zeigen, dass Bewegungen, die im luziden Traum mit distalen Muskelgruppen (z.B. den Hände) ausgeführt werden, zu stärkeren EMG-Reaktionen führen, als bei Bewegungen, die im luziden Traum mit proximalen Muskelgruppen (z.B. den Schultern) durchgeführt werden. Dort bleiben EMG-Aktivitäten sogar ganz aus. In einer Studie von Erlacher (2005) zeigte sich, dass die Intensitäten der EMG-Aktivitäten für Handbewegungen im Traum unterschiedlich stark ausfallen können (siehe Abb. 2). Auf einer zentralnervösen Ebene ergeben sich ebenfalls Übereinstimmungen zwischen geträumten und tatsächlichen Handlungen. LaBerge und Dement (1982a) zeigten in einem Experiment, dass spezifische Aufgaben (Zählen und Singen), die im luziden Traum ausgeführt werden, auf der Großhirnrinde entsprechende Aktivitäten evozieren (EEG-Messung), wie sie auch im Wachen zu erwarten sind.

In einer weiteren Studie von Erlacher, Schredl und LaBerge (2003) wurde gezeigt, dass motorische Areale während „Bewegungsausführung“ im luziden Traum aktiv sind. Ein luzider Träumer wurde in diesem Experiment instruiert, entweder die Hände zu bewegen oder eine nicht-motorische Kontrollaufgabe (Zählen) durchzuführen. Die Auswertung der relevanten Elektroden über den motorischen Arealen zeigte erwartungskonform eine Blockierung des Alphabands (8-12 Hz; mu-Rhythmus), das in EEG-Untersuchungen (Pfurtscheller & Neuper, 1997) eine Aktivierung der entsprechenden kortikalen Arealen darstellt, während der Handbewegung im luziden Traum.

Weiterhin ergeben sich für peripher-physiologische Parameter (Herzrate, Atmung, etc.) Äquivalenzen zwischen geträumten und tatsächlichen Handlungen. In einer Untersuchung zur sexuellen Aktivität im luziden Traum von LaBerge, Greenleaf und Kedzierski (1983) wurden verschiedene Parameter an einer Versuchsteilnehmerin während einer Untersuchungsnacht aufgezeichnet: Hautwiderstand, Herz- und Atemfrequenz, vaginales EMG und vaginale Pulsamplitude. Die Versuchsteilnehmerin kopulierte mit einem „Traum-Partner“ in einem luziden Traum bis zum Orgasmus. Dabei kam es zu einem deutlichen Ansteigen der autonomen Parameter mit dem höchsten Anstieg während des Orgasmus. In einer weiteren Studie von LaBerge und Dement (1982b) zeigten sich ein enger Zusammenhang zwischen vorab instruierten Atmungsmustern und der Atmung am schlafenden Körper. Erlacher (2005) konnte in einer Studie zeigen, dass „Bewegungsausführung“ im luziden Traum spezifische kardiorespiratorische Aktivitäten auslösen. Dazu wurden fünf geübte luzide Träumer instruiert in einer vorgegebenen Reihenfolge entweder Kniebeugen auszuführen oder zu zählen. Während der Nacht wurde kontinuierlich die Herz- und Atemfrequenz aufgezeichnet. Die Ergebnisse zeigen eine Zunahme der Herzfrequenz nach den geträumten Kniebeugen, welche zu dem höchsten Wert nach der Belastung führte. Die Atemfrequenz zeigt eine erhöhte Aktivität während der Kniebeugen, wobei die statistischen Berechnungen lediglich einen signifikanten Abfall nach den Kniebeugen ergaben.

Schließlich können zeitliche Aspekte zwischen geträumten und tatsächlichen Handlungen genau untersucht werden. In einer Studie konnte LaBerge (1985) für das Zählen nachweisen, dass sich fast identische Zeitintervalle für das Zählen auf Zehn im luziden Traum und das Zählen auf Zehn im Wachen ergeben. Dagegen ergab eine Re-Analyse (Erlacher & Schredl, 2004), der zuvor berichteten Untersuchung, in der die Versuchsteilnehmer entweder zehn Kniebeugen durchführen oder auf fünf zählen mussten, dass sich die Dauer für das Zählen im Wachen und im luziden Traum kaum unterscheidet. Jedoch benötigten die Teilnehmer für das Ausführen von den Kniebeugen 44.5 % mehr Zeit im luziden Traum als im Wachen, wobei keiner der Teilnehmer berichtete, subjektiv zeitliche Unterschiede festgestellt zu haben. In einer weiteren Pilotstudie von Erlacher (2005) ergaben sich hingegen keine Unterschiede für das Gehen einer bestimmten Schrittfolge (10, 20, 30 Schritte) zwischen der geträumten bzw. der tatsächlichen Ausführung.

Die hier dargestellten Befunde zum luziden Träumen – die durch Untersuchungen aus der Traumforschung bestätigt werden – sprechen dafür, dass eine Äquivalenz zwischen geträumten und tatsächlichen Bewegungen besteht. Diese Befunde bieten somit eine theoretische Grundlage –wie im Mentalen Training bzw. der Bewegungsvorstellung (z.B. Heuer, 1985; Jeannerod, 2001) – für die Erklärung motorischer Lerneffekte durch ein Training im luziden Traum (vgl. Erlacher 2005).

Erfahrungsberichte zum Training im luziden Traum

In diesem Abschnitt sollen zunächst zwei explorative Studien vorgestellt werden, die motorische Lerneffekte durch ein Training im luziden Traum untersucht haben, anschließend werden verschiedene Erfahrungsberichte zum Training im luziden Traum dargeboten. Eine Untersuchung von Tholey (1981) hat gezeigt, dass es luziden Träumern möglich war, verschiedene Arten von sportlichen Aktivitäten in ihren luziden Träumen durchzuführen. Komplexe Bewegungen, wie das Skilaufen oder Turnen, die auch schon im Wachzustand sicher beherrscht wurden, konnten die luziden Träumer im Traum meist ohne Schwierigkeiten ausüben. Die Bewegungen wurden als in sich stimmig, leicht und locker erlebt und waren meist von einem angenehmen Gefühl begleitet. Darüber hinaus berichteten sämtliche Teilnehmer über deutliche Übungseffekte bei ihren Bewegungshandlungen im Traum sowie über positive Auswirkungen im Hinblick auf ihr sportliches Können im Wachzustand. Insbesondere führten rasche aufeinanderfolgende Drehungen um die Körperlängs- und -querachse zur Verbesserung des Lage- und Bewegungsgefühls bei unterschiedlichen Sportarten (Tholey, 1981). In einer Studie von Erlacher (2005) konnte in einem Prä-Post-Test-Design gezeigt werden, dass sich die Trefferleistung bei einer Zielwurfaufgabe durch ein Training im luziden Traum gegenüber einer Kontrollgruppe verbesserte. Neben diesen zwei explorativen Studien existieren vor allem anekdotische Hinweise für ein Training im luziden Traum. Prof. Paul Tholey, selbst ein geübter luzider Träumer, berichtete, dass er seine luziden Träume für den Sport nutzte. In einem Interview äußerte er sich folgendermaßen: ”Nicht jede einzelne Bewegung übe ich im Traum. Da trainiere ich vor allem mein Körpergefühl und mein Körperempfinden für den Raum. Ich fliege zum Beispiel Salti und spüre dabei in jeder Faser, wo ich gerade bin“ (Mechsner, 1994, S. 12). Mit dem Training im luziden Traum hat Tholey beispielsweise sein Skateboard- und Snowboardfahren verbessert (persönliche Mitteilung, 12.06.1998). Neben seinen eigenen Erfahrungen mit dem luziden Träumen berichtet Tholey mehrere Anekdoten von luziden Träumern, die den Traum nutzen, um sportliche Bewegungen auszuführen. Die Berichte streuen dabei über verschiedene Sportarten und über verschiedene Leistungsstufen. Das nachfolgende Beispiel von Tholey und Utecht (1997, S. 204) soll exemplarisch angeführt werden und kommt aus dem Freizeitbereich in dem der Träumende seine Schusstechnik im Fußball anwendet: „… Ich probiere aus, wie ich schießen kann. Ich trete mit dem rechten Fuß jedesmal an den Innenpfosten oder an die Unterkante der Latte und treffe immer genau da, wo ich will. Ich habe ein ungeheures Ballgefühl…“.

Weitere Erfahrungsberichte werden von Erlacher (2005) angeführt. Auch hier sollen exemplarisch einige Beispiel angeführt werden. Die Beispiele streuen dabei über verschiedene Sportarten. Im Folgenden ein Beispiel aus dem Kunst- und Turmspringen, in dem die luzide Träumerin über Jahre den luziden Traum als Trainingsergänzung nutzt: „Ich versuche möglichst kunstvoll Salti und Schrauben, oder Auerbachsalti zu machen. Da das ganze langsam abläuft, wie in Zeitlupe, habe ich die gute Gelegenheit auf alle Bewegungsabläufe genau zu achten.“ Ein weiteres Beispiel aus dem Wintersport, in dem der Sportler den Traum zum Probehandeln von neuen Techniken nutzt: „Ich habe vom Snowboardfahren geträumt, ich war in einem Park und im freien Gelände und habe Tricks geübt, die ich eigentlich gar nicht so beherrsche und zum Teil noch nie gemacht habe“. Und zuletzt ein Beispiel aus dem Sprinttraining, in dem der luzide Träumer die Körperwahrnehmung im Traum nutzt, um seinen Laufstil zu verbessern: „Ich beginne dann, meine Beine bewusster nach hinten wegzustrecken, meine Füße einzusetzen und nicht nur vorne die Knie zu heben. Sofort entsteht ein Vortrieb, den ich vor allem im Bereich des Beckens spüre. Das Becken schiebt auf einmal im Raum schneller voran“.

In den Darstellungen der Fallbeispiele soll deutlich geworden sein, dass das Üben im luziden Traum von luzid-träumenden Sportlern bereits Einsatz findet und, dass das Training für kognitive als auch für motorische Komponenten des Bewegungslernens genutzt wird. Zukünftig sollten die positiven Befunde dieser Pilotstudien in weiteren experimentellen Untersuchungen repliziert werden. Zusammenfassend stellt das Thema Training im luziden Traum – sowohl für den Sportpraktiker als auch für den Sportwissenschaftler – ein fruchtbares Gebiet für den Sport dar.

Literatur

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